Eine Liebeserklärung

Eine Liebeserklärung

13. September 2010 Aus Von Victoria Schwartz

Liebe Freunde und Follower.
Ich muss euch eine Mitteilung machen und hoffe, ihr habt dafür Verständnis. Ich werde meinen Twitteraccount löschen. Jetzt. Sofort. Und natürlich für alle Ewigkeit.

Wie oft habe ich das in den letzten 12 Monaten schon gelesen? Gefühlte 1000 Mal.
Die Gründe sind immer gleich. Enttäuschte Erwartungen, angeprangerte Oberflächlichkeit,
zu geringer Nutzen.

Ich muss gestehen, das ein oder andere Mal habe ich mich auch schon mit dem Gedanken getragen, mein Profil zu löschen. Aber mein gesunder Menschenverstand bewahrte mich letztendlich immer davor.
Denn, realistisch gesehen, ist Twitter eine geniale Sache:
Stammkneipe, Informationsplattform, Kontaktbörse, politisch relevantes Tool, unterhaltsame Lektüre, Präsentationsmöglichkeit für Autoren, Poeten und solche, die es werden wollen.

Auf den Punkt gebracht: Ich liebe Twitter.
Es gibt mir die Möglichkeit, andere Menschen zu „treffen“, ohne das Haus verlassen zu müssen.
Ich brauche keinen Babysitter, um an meinem Stammtisch zu sitzen. Ich muss mich nur einloggen
und ZACK sind alle da. Wir gucken gemeinsam Trash-TV, wir diskutieren politische Themen aus,
wir flirten, streiten, sind albern.
Aber – und das empfinde ich als extrem erstaunlich – helfen uns auch in schwierigen Situationen.
Bauen Freundschaften auf, die über das Internet hinausgehen, tauschen Erfahrungen aus etc.
Da ist zum Beispiel sturmhoehe25, die mir tröstende Mails schrieb, ohne mich jemals persönlich gesprochen zu haben, aber genau auf den Punkt kam.
Oder textzicke, die mir in Notfällen per telefonischer Ferndiagnose das passende homöopathische Mittel „verschreibt“.
Oder Frau_Elise, mit der ich Hunderte alberner Replies austauschte und die mich bei unserem ersten RL-Treffen umhaute (im übertragenen Sinne), weil sie genau so war, wie ich sie mir erhofft hatte.
Oder KleinesScheusal, die ich niemals kennengelernt hätte, obwohl wir uns so viel zu sagen haben!
Nicht zu vergessen Lana74, die mir, ohne mich zu kennen, während der kompletten Republica ihr Sofa zum Übernachten anbot. Und die ich seitdem schon so oft besuchte, dass es mir fast peinlich ist.
Es gibt unzählige Menschen, die ich hier erwähnen müsste, ich belasse es jetzt bei Obigen, um den Rahmen nicht zu sprengen.

Seit dem Frühjahr habe ich bei Jour Fitzen in Hamburg und Berlin, einer stijlroyal-Party in Wiesbaden, der manomama-Eröffnungsfeier in Augsburg, der Republica in Berlin, der Frauenfuss-Vernissage in Hamburg und diversen kleineren Tweet Ups ca. 200 Twitterer im RL getroffen.
Begegnungen, die manchmal erstaunten, oft positiv überraschten, mal … eher nicht so …, aber zumindest immer interessant waren.
Es hat etwas ungemein Lustiges, wenn die vermeintliche Sexbombe, die in ihren Tweets von luftigen Kleidchen und Highheels schreibt, sich als behaarte 150 Kilogramm-Frau entpuppt, der Frauenschwarm ein blasses Bübchen ohne Bartwuchs und der Social Media-Experte ein wirrer, jugendlicher Nerd mit 150 Followern ist.
Unbezahlbar auch die Klassenfahrt-Atmosphäre während der Republica. Ja, natürlich gab es Vorträge, ja, wir haben wahnsinnig wichtige Vernetzungen betrieben. Aber letztendlich waren die abendlichen Parties und das Rumstehen mit den Jungs aus der Raucherecke ein unglaublich großer Spaß.

Es gibt nur eine Sache, dir mir Twitter manchmal unheimlich macht. Die Wichtigkeit, die es bei einigen Usern im Zusammenhang mit ihrem Selbstwertgefühl einnimmt. Das Lamentieren übers Gefavtwerden, über Unfollows, Followerzahlen, die Twitterelite (von der eigentlich keiner weiß, wer dabei ist, aber böse ist sie in jedem Fall, weil wir Normaltwitterer nie dazu gehören werden). Man sollte nie aus den Augen verlieren: Twitter macht keinen von uns prominent. Niemanden im RL interessiert, ob du 7000 Follower hast und pro Tweet 150 Sternchen. Fraglich ist auch, ob du in der Medienbranche die Knallerjobs bekommst, nur weil du so wunderbar poetische Tweets schreiben kannst.

Die Welt dreht sich auch ohne Twitter weiter. Nur eben nicht so schön.
Twitter ist nur Twitter. Und genau das ist auch gut so.